(copy 3)

Depressionen beim Lipödem

Ein Blogbeitrag von Elsa Eckhardt

 

„Nimm doch einfach mal ein bisschen ab, dann bist du auch ansehnlicher…. Du kannst dich ja kaum bewegen! Wie willst du da jemals eine/n Partner/in finden? So eine wie dich will doch keine/r! Wie kann man sich nur so gehen lassen – das ist ekelhaft!“

Darf man einer Frau solche Worte an den Kopf werfen? Die Antwort ist ganz klar – NEIN! Und dennoch habe ich Sätze wie diese immer wieder ertragen müssen. Was weder ich noch diese Leute damals wussten ist, dass ich ein Lipödem unter meiner Haut trage, welches einen wesentlichen Anteil meines Erscheinungsbilds ausmacht. Ein Erscheinungsbild, welches von dem Schönheitsideal photogeshopter Hungerhaken auf Hochglanzmagazinen ungefähr so weit entfernt ist, wie die Sonne vom Mond. Dieser Tatsache war ich mir stets bewusst und ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass man mich so akzeptiert wie ich bin. Aber Pustekuchen… es machte manchen Menschen direkt Spaß, sich über mich lustig zu machen und mich zu demütigen. Die Folge: jahrelange Depressionen und der ständige Kampf mit der Selbstliebe.

Damit bin ich nicht die Einzige. Ich höre immer wieder von Leidensgenossinnen, dass sie mit ihrem Selbstwertgefühl hadern und an ihrem Aussehen zu knabbern haben. Oft kommt der Frust über die Tatsache hinzu, dass weder Sport noch Diäten von Erfolg gekrönt sind – im Gegenteil! Trotz großer Disziplin und Anstrengung geht das Gewicht nach oben. Der Druck von außen sowie das Gefühl des ständigen Scheiterns (im Bezug aufs Gewicht) sowie der Schmerz, der mit einem Lipödem in den meisten Fällen einher geht, stellen die Weichen für den Weg in die große Unzufriedenheit und im schlimmsten Fall in die Depression.

Bei mir war das der Punkt, an dem ich eine Art Selbsthass empfand und über diese „Ungerechtigkeit“ nicht fertig wurde. Und die Folge? Tja… ich habe gegessen was das Zeug hielt. Ungesund… natürlich! Man könnte sagen, ich habe mir um meinen bereits sehr stämmigen Körper einen Schutzpanzer angefuttert. Schokolade, Pommes, Kuchen, Pudding… alles hat sich gut angefühlt und das schlechte Gefühl einen Moment beiseitegeschoben. Fataler Fehler! Durch die Gewichtszunahme wurden meine Schmerzen größer und das Selbstwertgefühl stetig kleiner. Ich mochte nicht mehr in den Spiegel sehen und generell war mein Problem nun nicht mehr „nur“ das Lipödem, sondern die Depression, in der ich festsaß wie ein Vogel in seinem Käfig. Ich hatte das Glück einen Arzt zu treffen, der mich krankschrieb… lange…

Ich war 1 ½ Jahr zuhause, da ich bereits mit 22 Jahren zwei Burnouts verzeichnen konnte und mit meiner Last im Berufsalltag nicht zurechtkam. In meinen schwärzesten Momenten spielte ich mit Suizidgedanken und wünschte mir einfach nur „Erlösung“. Erst durch die Trennung von meinem Ex-Mann und die Rückkehr in meine Heimatstadt schaffte ich es mir eine zweite Chance zu geben. Es gelang mir meinen 25 kg schweren „Schutzpanzer“ abzulegen sowie mental zu genesen. Und das tat gut; Tag für Tag!

Neben etlichen Sitzungen beim Psychologen, Gruppensitzungen, Ergotherapie und Psychopharmaka, hat mir nur eins wirklich geholfen – die intensive Arbeit an mir selbst. Mit viel Zeit und endlosen Fahrten im Gedankenkarussell habe ich „mich wiedergefunden“. Mir war gar nicht mehr klar wer ich bin und was meine Ziele waren. Ich habe mir damals mit einem Visionboard gearbeitet und mir alle Ziele/Wünsche somit bildlich vor Augen geführt. Nach und nach konnte ich mir die ersten Wünsche erfüllen – es begann alles mit der neuen Frisur und einem neuen Outfit.

Jeder noch so kleine Erfolg machte mich stärker und selbstbewusster. Ich wurde langsam wieder der Mensch, der ich vorher war.

Leider geht es vielen so, dass sie aufgrund des Lipödems (und dem Rattenschwanz der daran hängt) auch mentale Symptome zeigen. Das Selbstwertgefühl leidet und man beginnt sich zu schämen. Ich habe Frauen gesehen, die ihren Frust in Alkohol ertränken oder mit Drogen versuchen „klarzukommen“… andere essen oder verletzen sich selbst. Dort beginnt dann der nächste Teufelskreis.

Es gibt nicht DEN einen Weg, raus aus der Depression. Aber es gibt Möglichkeiten gar nicht erst so tief zu rutschen wie ich. Und wenn es schon so weit ist, dann gibt es auch mehrere Wege um wieder hinaus zu kommen – ABER DU MUSST ES WOLLEN!!! Auch heute habe ich oft Momente, in denen ich denke: „Okay… wenn du jetzt nicht aufpasst, fällst du wieder in dein Löchlein!“ Wichtig ist, genau das zu erkennen und einen kleinen Schritt zurück zu treten, um nicht in besagtes Loch zu fallen. Vor ein paar Jahren noch hätte ich nicht gedacht, dass ich den folgenden Satz mal sagen würde. Das Leben ist schön und wir können auch mit Handicap und vermeidlichen Ungerechtigkeiten zu innerem Glück und zu Selbstliebe finden.

Lass dich nicht hängen und lass dich nicht selbst im Stich! Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben – nur DU! Du bist es dir schuldig, dich zu pflegen und dir ein Leben zu kreieren in dem du dich wohl fühlst. Auch dein/e Kind/er bzw. dein/e Partner/in möchte/n dich gesund und glücklich sehen, DESHALB lass dir deine Selbstliebe nicht nehmen und nimm dir Hilfe, wenn du sie brauchst! Das ist keine Schande, sondern das Richtige!

 

Autorin: Elsa Eckhardt

Tausche Dich mit anderen aus

Erfahre wie andere mit Ihrem Körper und dem Thema Selbstliebe umgehen.
Kostenlos registrieren und Teil der Community werden!

Mehr dazu