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Ein Schenkel ist nur ein Schenkel

Feel free to style

"Das ist die Tanzlehrerin? Bebt bei ihren dicken Oberschenkel nicht der ganze Raum?“

Ja, natürlich bebte der Raum, doch nicht durch meine dicken Oberschenkel verursacht, sondern durch die Energie und Kraft, die meine Tanzschüler*innen und ich durch unsere Leidenschaft fließen ließen. Diese Antwort hatte ich damals allerdings nicht parat, sondern fühlte mich bloßgestellt und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mir dieser Kommentar zusetzte.

Bereits solange ich denken kann, sind meine kleinen Stampferchen eine dicke Angelegenheit in meinem Leben, über die ständig gesprochen wird. Meine eigene Familie etwa ließ kaum eine Gelegenheit aus, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich zwar ein hübsches Gesicht hätte, der Rest abwärts allerdings nur Mittelware wäre. Bei jedem Familientreffen gab es für mich eine extra Portion „Bodyshaming“, gut verpackt in „gut gemeinten Ratschlägen“. Nicht zu vergessen, die coolen Jungs aus der eigenen Clique, die lachend „SCHENKEL“ riefen, sobald ich um die Ecke kam. Doch das war nichts im Vergleich zu den schrecklichen Szenarien, die sich in den Pausen auf unserem Schulhof abspielten.Denn wir Mädchen tauschten regelmäßig unsere neuesten „Miss Sixty“ Jeans untereinander und um auch ja den Knopf von Ayleens Jeans zuzubekommen, aß ich manchmal bis zu einer Woche kaum etwas.

Doch irgendwann konnte ich, wie viel Mühe ich mir auch gab, meine Kurven nicht mehr in diese verdammten Hosen quetschen und wurde aus dem „Miss Sixty“-Clan verbannt. Die anderen Mädchen mussten es nicht mal aussprechen, ich konnte es in ihren abwertenden Blicken erkennen: „Du bist dick“. Dazu muss man wissen, dass sich dieser Satz damals gemeinsam mit dem Schimpfwort „Schlampe“ den Titel der schlimmsten Beleidigungen teilte. Achso, und natürlich sollten an dieser Stelle auch das damalige TV-Programm sowie Magazine und Werbungen genannt werden, die dicke Menschen extrem diskriminierten und sicherlich mitverantwortlich für die verzerrten Körperwahrnehmungen von Millionen von Frauen sind. Glaube mir, ich könnte stundenlang weiter aufzählen, doch im Endeffekt bringt mich, bringt uns das absolut keinen Schritt weiter. Stattdessen möchte ich eine wichtige Erkenntnis, die ich machen durfte und die mein Leben nachhaltig veränderte, mit Dir teilen.

 

„Das Leben gibt dir so lange dieselben Aufgaben, bis du sie löst.“

Obwohl ich bereits extrem mit meinem Körper haderte, hielt mich das dennoch nicht davon ab, eine Ausbildung zur Tanzpädagogin zu machen. Ich war talentiert und selbstbewusst und würde der Welt schon zeigen, was meine kleinen Stampferchen so alles drauf haben - dachte ich jedenfalls. Doch das Leben schickte mir ständig - wie ich sie nenne - „Arschloch-Engel“, wie etwa meinen Onkel Fritz, der es einfach nicht lassen konnte, über mein Gewicht zu reden oder auch Party-Bekanntschaften, die mich, wenn ich ihnen von meinem Beruf erzählte, heimlich mit einem bösen Scannerblick begutachteten. Von Ärzten, die mir (als Tanzpädagogin) zu mehr Bewegung rieten, ganz zu schweigen. Jede weitere Bemerkung traf mich schwer. Und wie ich inzwischen weiß: Solange es mich trifft, betrifft es mich auch. Diese „Arschloch-Engel“ waren tatsächlich ein großer Segen, wie ich im Nachhinein weiß, denn sie zeigten mir auf, dass mein aufrechterhaltenes Selbstbewusstsein nicht echt war, sondern nur Fassade, um meine Verletzlichkeit zu verstecken. Ich konnte die Gelegenheit annehmen und meinen Selbstwert wahrhaftig stärken oder darauf warten, bis das Universum mich dazu zwingen würde. Denn das Leben gibt dir so lange dieselben Aufgaben, bis du sie löst. Ich war es leid, die Schuld für mein verzerrtes Körperbild und meine Selbstzweifel abzugeben, weil ich verstand, dass ich damit auch meine eigene Macht abgab. Stattdessen kam ich also endlich in meine Verantwortung und löste viele negative Glaubenssätze in mir auf.

 

 

Glaubenssätze auflösen

Bereits mein ganzes junges Leben lang versuchte ich alles, um nicht dick zu sein, doch warum löste diese Beschreibung überhaupt solch einen Schmerz in mir aus? Dicke Menschen werden in unserer Gesellschaft nicht nur diskriminiert und bloßgestellt, sondern auch automatisch als ungesund, unsportlich, unbeliebt, unattraktiv und faul betitelt. Diese Vorurteile sorgten dafür, dass ich Folgendes über mich selbst glaubte:

  • Ich tue nicht genug.
  • Ich bin nicht genug.
  • Die anderen könnten denken, ich bin faul.
  • Ich bin nicht schön genug und dadurch nicht liebenswert.

Nachdem ich diese Glaubenssätze enttarnt hatte, machte ich mir bewusst, dass diese negativen Überzeugungen in mir nicht der Wahrheit entsprachen und wandelte sie mit Hilfe von Mediationen und verschiedener Mantren um in:

  • Ich habe mein Bestes gegeben und gebe mein Bestes (alle die Diäten, Sporteinheiten…).
  • Ich bin genug (und immer wertvoll, unabhängig davon, was ich besitze, leiste oder wie ich aussehe).
  • Es nicht der Job der Anderen mich zu mögen, es ist meiner (und es ist egal, was andere über mich denken).
  • Ich habe meine eigene Schönheit, mein ganz eigenes Potenzial und werde leuchten. (Buchtipp: "Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl)

Zusätzlich befasste ich mich immer mehr mit Persönlichkeiten, die sich für ein neues Körperbewusstsein einsetzen. Ich fand heraus, wie manipulierend die Schönheits- und Gesundheitsindustrie ist. Ich mistete ordentlich aus, z.B. Diätbücher und zu kleine Kleidungsstücke - eben alles, was mir das Gefühl gab, nicht genug zu sein. Dafür hatte ich nun wieder mehr Fläche für mich und mein wahres ich…

Daraufhin stellte ich fest, dass nicht die Beschreibungen dick, dünn, klein oder groß den Schmerz in mir auslöste, sondern die Bewertung, die ich selbst dazu kreiert hatte. Denn dick zu sein ist erst einmal ein neutrales Merkmal meines Körpers, ebenso wie kurze Haare zu haben. Erst die Emotionen, die ich damit assoziiere, löst den Schmerz in mir aus. Und nur ich selbst habe die Macht, mich von meiner eigenen Wertung zu befreien!

Bemerkenswert ist tatsächlich, dass ich heute mein Höchstgewicht von ca. 90 Kilo (so genau weiß ich das leider nicht, denn die Waage habe ich auch entsorgt) habe und  Kleidergröße 42/44 trage, doch keine gut gemeinten Ratschläge oder Beleidigungen mehr höre. Vielleicht kann man mir meiner Attitüde heute tatsächlich ablesen „My Body is not Your Business“. Vielleicht prallen Blicke wirklich einfach an meinem heutigen Selbstbewusstsein ab oder vielleicht ist meine Schönheit nun endlich für andere zu erkennen, weil ich sie selbst endlich erkennen kann. Und auch meine Stampferchen und ich schließen jeden Tag etwas mehr Frieden miteinander. Sie sind nicht nur wie J.Los Hintern ein Vermögen wert, sondern haben mich auch zu dir gebracht - wie könnte ich sie also nicht mögen?

Aufgabe gelöst? Ich denke schon! Wie sieht es mit Dir aus?


Deine Frau Wurster
P.S.: Vergiss nicht: Das Leben ist zu kurz um den Bauch einzuziehen (auch als Buch in unserem Shop erhältlich!)

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