Die chirurgische Therapie beim Lipödem

Von Dr. Tobias Bertsch, Földiklinik, Hinterzarten und Prof. Dr. Nestor Torio-Padron, Praxisklinik für Plastische Chirurgie, Freiburg

 

Bei der großen Mehrheit der Patientinnen mit Lipödem wird die konservative Therapie mit Kompression, Sport, Gewichtsmanagement und ggf. psychosozialer Therapie eine deutliche und zufriedenstellende Verbesserung des Krankheitsbildes ermöglichen. Solltest Du jedoch zu den Betroffenen gehören, die trotz dieser Maßnahmen keinen Therapieerfolg erfahren haben, dann können auch chirurgische Behandlungsoptionen erwogen werden. Hierbei muss man zwischen zwei ganz unterschiedlichen chirurgischen Verfahren unterscheiden:

  1. der Liposuktion
  2. der bariatrischen Operation

Die Liposuktion

Nicht jede Patientin mit Lipödem würde von einer Liposuktion profitieren. Die internationale Expertenrunde des „European Lipedema Forum“ hat daher Kriterien definiert, die einen – langfristigen – Therapieerfolg der Liposuktion wahrscheinlich machen. Demnach sollte bei Patientinnen mit Lipödem eine Liposuktion erwogen werden, wenn:

  1. trotz mindestens 12 Monate andauernder konservativer Therapie, weiterhin Beschwerden bestehen.
  2. das Körpergewicht mindestens 12 Monate weitgehend stabil ist. Damit soll das Risiko reduziert werden, dass der Effekt der Liposuktion durch eine Gewichtszunahme nach der Operation (oder durch häufig erlebte Jo-Jo-Effekte nach Diätversuchen) zunichte gemacht wird.
  3. keine ausgeprägt zentrale (d.h. bauchbetonte) Adipositas zusätzlich zum Lipödem vorliegt. Der Body-Mass-Index (auch Körpermasseindex, KMI) darf hierbei nicht größer als 35 kg/m² sein bzw. das WHtR (Englisch: Waist-to-Height Ratio ‚Taille-zu-Größe-Verhältnis, das Verhältnis zwischen Taillenumfang und Körpergröße) kleiner als 0,5. Ausnahmen hiervon sind (allerdings selten) auftretende schwerste disproportionale Fettgewebsvermehrungen der Beine, die zu erheblicher Einschränkung der Mobilität führen können.
  4. vor Durchführung der Liposuktion eine psychologische Stellungnahme vorliegt, die Essstörungen und den Liposuktionserfolg gefährdende psychische Erkrankungen ausschließt.

Ziel der Liposuktion ist eine Verminderung der Beschwerden im Weichteilgewebe. Da die körperliche Ursache der Schmerzen durch eine sehr milde (und völlig harmlose) Entzündung im Fettgewebe verursacht ist, kann die lokale Fettabsaugung hier zu einer Schmerzreduktion führen. Gleichzeitig kann die Liposuktion durch das Entfernen von überproportionalem Fettgewebe im Bereich der Beine eine Verbesserung der Mobilität ermöglichen.

Methoden der Liposuktion

Es existieren unterschiedlichen Techniken der Liposuktion, aber am häufigsten werden drei Methoden bei der Behandlung des Lipödems eingesetzt:

  • Klassische Liposuktion: Zu Beginn der Operation wird die sogenannte Tumeszenzlösung ins Fettgewebe eingespritzt, eine spezielle Lösung bestehend aus Kochsalz, Betäubungsmittel und Adrenalin. Adrenalin ist ein Medikament, das eine Gefäßeinengung im Bereich des Fettgewebes verursacht, um den Blutverlust während der Operation so gering wie möglich zu halten. Nach einer Wirkdauer von ca. 15 Minuten wird das Fettgewebe mit Hilfe von stumpfen Metallkanülen abgesaugt, die mit einem Fettsauger mittels eines Schlauches angeschlossen sind und durch kleine Hautschnitten an mehreren Stellen durch die Haut eingeführt werden. Bei der klassischen Liposuktion muss der Chirurg diese Kanülen durch kräftige Armbewegungen hin und her schwingen, um das Fettgewebe mechanisch zu verkleinern und dieses effektiv absaugen zu können.
  • Vibrationsliposuktion: Der einzige und wichtigste Unterschied zu der klassischen Liposuktion ist, dass die stumpfen Kanülen mit Hilfe eines elektrischen Handgriffes etwas vibrieren, so dass der Chirurg diese bei der Operation nur sanft hin und her bewegen muss. Daher gilt diese Methode als etwas schonender. Diese Technik ermöglicht den Chirurgen die Liposuktion über einen langen Zeitraum durchzuführen, daher kommt diese vor allem bei der Behandlung von ausgeprägten Formen des Lipödems im Einsatz. Teilweise können diese Operationen über drei Stunden dauern.
  • Wasserstrahl-Liposuktion: Bei dieser Operationsmethode wird die Tumeszenzlösung mit Hilfe eines feinen Wasserstrahls eingebracht. Hierdurch wird das Fettgewebe mechanisch zerkleinert und direkt im Anschluss ebenfalls mit einer stumpfen Metallkanüle abgesaugt. Diese Kanülen vibrieren nicht und müssen durch den Chirurgen ebenfalls hin und her kräftig bewegt werden.

Obwohl alle drei Liposuktionsmethoden Vorteile und Nachteile haben können, eignen sich alle drei bei der operativen Behandlung des Lipödems. Diese drei Techniken können je nach Befundausprägung und Erfahrung des Operateurs vergleichbare Ergebnisse liefern. Wichtig ist, dass der Chirurg die Methode gut beherrscht und ausreichende Erfahrung hat sowie eine hohe Anzahl an diesen Operationen nachweisen kann.

Alle drei Operationstechniken können entweder in örtlicher Betäubung kombiniert mit einem Dämmerschlaf oder unter Allgemeinanästhesie (Vollnarkose) durchgeführt werden. Wenn möglich sollte die Operation unter Dämmerschlaf bevorzugt werden, da diese Narkoseform am wenigsten belastend für den Körper ist. Auf expliziten Wunsch der Patientin sollte jedoch die Möglichkeit einer Vollnarkose auch angeboten werden.

Risiken und mögliche Komplikationen

Nach jeder Liposuktion treten bei den Patientinnen an den behandelten Arealen blaue Flecken an der Haut (oberflächliche Blutergüsse), Schwellung und Schmerzen auf. All diese drei Operationsfolgen können von Patientin zu Patientin sehr unterschiedlich sein und bilden sich in der Regel innerhalb von ca. 3-4 Wochen vollständig zurück. Die Schmerzempfindung ist bei jedem Menschen unterschiedlich, üblicherweise sind die Beschwerden nach der Operation vergleichbar mit den Schmerzen nach einer starken Prellung. Zu den Risiken und möglichen Komplikationen nach einer Liposuktion zählen Entzündungen, Blutungen, die zu einem hohen Blutverlust führen können, die Entstehung einer Thrombose sowie Lungenembolie, eine allergische Reaktion auf Medikamenten bzw. kosmetische Beeinträchtigungen durch die Bildung von Dellen und Unregelmäßigkeiten an der Haut.

Bevor Du Dich für eine Liposuktion entscheidest, solltest Du zwischen dem Nutzen und den oben beschriebenen Risiken sowie möglichen Komplikationen abwägen. Bei einer guten Patientenauswahl und in Händen eines erfahrenen Operateurs treten die oben beschriebenen Komplikationen extrem selten auf. Jedoch solltest Du bei der Entscheidung berücksichtigen, dass jede Operation bzw. medizinische Behandlung mit Risiken verbunden sind und diese nicht 100%ig ausgeschlossen werden können.

Nach der Operation

Nach einer Liposuktion bei Lipödem sollst Du Kompressionskleidung an den behandelten Körperregionen zunächst konsequent für ca. 6 Wochen tragen. Duschen darfst Du in der Regel nach zwei Tagen, selbstverständlich kann hierfür die Kompressionskleidung entfernt werden. Lymphdrainagen bzw. spezielle Behandlungen der Haut zum Beispiel Endermologie können den Heilungsverlauf beschleunigen, jedoch können diese nicht auf Kosten der Krankenkasse durchgeführt werden. Nach der Operation wirst Du in der Lage sein, Dich zu bewegen; natürlich bestehen aber mitbedingt durch die Schwellungen und Beschwerden gewisse Einschränkungen. Sportliche Tätigkeiten an den behandelten Körperregionen solltest Du pausieren, bis die Beschwerden sich deutlich gebessert haben. In der Regel solltest Du nach ca. 6 Wochen in der Lage sein, wieder ein normales Leben zu führen.

Ergebnisse

Das optische Endergebnis einer Liposuktion kann erst nach ca. 4-6 Monaten endgültig beurteilt werden. Es ist extrem wichtig, dass Du nach der Operation das Gewicht konstant hältst. Eine relevante Gewichtszunahme würde zu einer Verschlechterung des Operationsergebnis führen. Aus dem Grund sind diese Operationen bei Patientinnen, die nicht in der Lage sind, das Gewicht zu halten, nicht empfehlenswert.

Ob die Lipödem-Beschwerden durch die Liposuktion komplett bzw. nur teilweise verbessert werden kann nicht hundertprozentig garantiert werden. Die Studienlage zu Liposuktion ist zurzeit sicher noch unzureichend. Bisherige Untersuchungen deuten allerdings darauf hin, dass ca. 70 % der Patientinnen auch nach einer Liposuktion weiterhin Lipödem-typische Beschwerden aufweisen und Kompressionsstrümpfe tragen müssen.

Die oberen Abbildungen zeigen Fotos einer 30-jährigen Patientin mit einem Lipödem vom Oberschenkel- und Unterschenkeltyp vor der Operation. Auf den unteren Fotos ist dieselbe Patientin 10 Jahre nach erfolgter Liposuktion an den kompletten Oberschenkeln und Unterschenkeln zu sehen. Nur durch eine gute Patientenauswahl für diese Operationen und durch die Einhaltung des Gewichtes seitens der Patientin ist es möglich, das Ergebnis einer Liposuktion bei Lipödem-Patientinnen auf Dauer zu halten (Prof. Dr. Nestor Torio-Padron, Praxisklinik für Plastische Chirurgie, Freiburg).

Die bariatrische Operation

Viele Patientinnen mit Lipödem leiden zusätzlich auch an starkem Übergewicht. Ab einem BMI von 30 Kg/m² spricht man von Adipositas. Adipositas ist keine Frage von Schuld, Willensschwäche oder Disziplinlosigkeit, sondern eine von der WHO, und inzwischen auch vom deutschen Bundestag, anerkannte Erkrankung. Solltest Du neben einem Lipödem zusätzlich auch an einer schweren Adipositas leiden, wäre die Liposuktion keine hilfreiche Behandlungsoption mehr, sie wäre vielmehr ein Kunstfehler. Stattdessen sollte dann bei Dir überprüft werden, ob du für eine bariatrische Operation, also für einen Adipositas-chirurgischen Eingriff infrage kommst. Hier ist vor allem der Schlauchmagen oder auch der Magen-Bypass zu empfehlen, zeigen diese doch in allen Studien die besten Ergebnisse. Ab einem BMI von 35 kg/m² kann diese Option in Betracht gezogen werden, ab einem BMI von 40 Kg/m² wird sie empfohlen. Konservative Abnehmstrategien mit diversen Diäten wurden von Dir wahrscheinlich bereits mehrfach versucht und mündeten häufig in einen Jo-Jo-Effekt. Diesen Weg solltest Du daher künftig nicht mehr einschlagen. Viele Studien haben inzwischen gezeigt, dass die bariatrische Chirurgie die effektivste und langfristig erfolgreichste Behandlung ist, Gewicht abzunehmen. Neuere Untersuchungen an Frauen mit beiden Erkrankungen, also mit Lipödem und schwerer Adipositas, zeigen darüber hinaus eine deutliche Verbesserung der Beinumfänge (und damit des Lipödems) nach erfolgter bariatrischer Operation. Gute Informationen zu den verschiedenen operativen Techniken sowie weitere spannende Fakten zum Thema bariatrische Operation bekommst Du auf der Website der Adipositas-Chirurgie Selbsthilfe e.V. (AcSDeV) https://acsdev.de/

Abbildungen 1 und 2 verdeutlichen den positiven Einfluss der Adipositas-Chirurgie auch auf die Erkrankung Lipödem. Zwischen beiden Bildern liegt weniger als ein Jahr. Der Umfang des Oberschenkels hat sich halbiert, die Patientin war beschwerdefrei. Eine Hautstraffung wäre hier nach ca. einem Jahr Gewichtsstabilität möglich und könnte vom Plastischen Chirurgen durchgeführt werden (Dr. Tobias Bertsch, Földiklinik, Hinterzarten)

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